Wildkräuter-Esoterik: Mit Brennesseln in die Anderwelt

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„Mit Brennnesseln kann Kontakt in eine „andere Welt“ aufgenommen werden“, zumindest behauptet das die „Wildpflanzenkennerin“ Caroline Deiß. Ihr hat der NDR in der Sendung DAS! am 2.Juli auf dem „roten Sofa“ die Möglichkeit geboten, ihre Theorien über Wildkräuter zum Besten zu geben. Was ich als Fan der Wildpflanzen davon halte, lest Ihr hier.

Wir lieben Wildkräuter und lassen sie gerne wachsen. Viele Insekten brauchen sie, z.B. benötigen viele Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs, das Landkärtchen oder der Admiral Brennesseln als Futterpflanze für ihre Nachkommen. Auch sammeln wir gerne Wildkräuter für den Salat: Wilde Rauke, Vogelmiere, Giersch, Sauerampfer, Pimpinelle – was halt gerade da ist.

Wildkräuter
Nun gibt es ja seit einiger Zeit einen gewissen Wildkräuter-Hype, der durchaus zu größerer Wertschätzung der Wildkräuter führt, die nun nicht mehr nur als „Unkraut“ angesehen werden. Jede Menge Wildkräuter-Bücher und Kochbücher sind erschienen, auch der Trend zum „grünen Smoothie mit Wildkräutern“ spielt bei gesundheitsbewussten Menschen und Vegetariern eine Rolle.

Elfen, Feen, Zwerge und Brennesseln als Psychodroge

Wer also jetzt noch auf der Wildkrautwelle auffallen will, muss sich da schon was einfallen lassen! Caroline Deiß gibt in München Kräuterkurse und mystifiziert die Pflanzen bis zum Abwinken (hier die Sendung in der Mediathek). Klar haben sie eine „Seele“, wenn man darunter eine Wesenhaftigkeit versteht, die die jeweilige Art gemeinsam hat. Aber so meint Deiß es nicht, sie spricht z.B. davon, dass Metallmesser Elfen, Feen und Zwerge vertreiben und man deshalb zum Kräuter sammeln Kupfermesser verwenden solle. Als ob Kupfer kein Metall wäre!

Brennessel

Die Kelten hätten ein Wildkraut ins Bier gemischt, um sich auf eine psychodelische Reise zu begeben und mit ihren Ahnen zu sprechen, so die Steilvorlage des DAS!-Moderators, der nun von Deiß wissen will, was das für ein Kraut gewesen sei. Sie weiß auch sofort Bescheid:

„Ja, das ist ein Kraut, also: einfach unsere Brennessel, die uns den Kontakt in eine andere Welt auch vermittelt. Die Brennessel haben die da reingemischt, weil sie sehr viel ätherisches Öl hat, genau wie der Gundermann hat die Brennessel sehr viel ätherische Stoffe und daher schafft man es also, Kontakt zu nehmen in eine andere Welt.“

Soso, „ätherische Öle“ sind also Drogen! Da kann man ja aus dem Vollen schöpfen: Duftöle, Massageöle, Raumsprays, Speiseöle, unzählige Pflanzen – alles Kontaktvermittler in die Anderwelt! Die beiden mischen während des Talks dann auch gleich einen entsprechenden Smoothie, wer den Ausschnitt sehen will, klicke hier den Tweet an. „Die Kelten würden unser heutiges Bier nicht mehr trinken“, meint Caroline Deiß, dieses Thema abschließend. Weil Alkohol als Droge nicht reicht und ohne Brennesseln der richtige Kick fehlt?

Ich sehe schon Horden von Jugendlichen und Drogen-affinen Erwachsenen ausschwärmen auf der Suche nach dem neuen „legal High“. Die armen Schmetterlinge, sowieso schon stark reduziert, haben dann das Nachsehen! Zum Glück haben Brennesseln keine extrem schädlichen Wirkungen, nur in Einzelfällen führt der Konsum von Brennesseltee zu allergischen Reaktionen wie Hautirritationen, Juckreiz, Hautausschlag und Magenreizung. Das überlebt man leichter als andere, tatsächlich halluzinogene Pflanzen, die sich Risiko-bereite User aus den Gärten klauen.

Wildpflanzen sind auch ohne Feen, Zwerge und Anderwelten toll!

Warum rege ich mich überhaupt auf? Schließlich darf jede und jeder Unsinn verbreiten, in Zeiten des Internets herrrscht kein Mangel an abseitigen Theorien über die Welt, das Leben und den ganzen Rest. Es ärgert mich, weil ich die Wildpflanzen toll finde und ihnen nicht gedient ist, wenn man Märchen über sie verbreitet. Märchen, für die sich heutzutage auch immer genug Gläubige finden, die die Pflanzen erst regelrecht missbrauchen, sich dann aber schnell enttäuscht abwenden: Scheiß Brennessel, war wohl nix mit Anderwelt!

Übrigens kannte ich mal einen lieben Menschen und Gartenfreund, der meinte, er habe die „Feen“ auf einer Wiese GESEHEN! Dass er zuvor nur spärlich bekleidet durch dichte Wolken von Stechmücken gelaufen ist, die ihn regelrecht überfallen und massenweise gestochen haben – geschenkt!

Autor: ClaudiaBerlin

Claudia lebt und gärtnert in Berlin und bloggt seit 2005 rund ums naturnahe Gärtnern. Folge dem Blog auf Twitter.com/gartenzeilen - da gibts Lesetipps und allerlei Infos rund um unser tolles Hobby.

5 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    herzlichen Dank für Deinen Post! Ich habe gerade so richtig lachen müssen … obwohl es ja auch wieder nicht lustig ist.
    In unserer Solawi haben wir auch etliche Leute, die ähnlich ticken und die, wenn ich dann mal bemerke, dass früher die Leute das Scharbockskraut nicht freiwillig, sondern aus Not gegessen haben, aus allen Wolken fallen.
    Aber Brennesseln zur Bewusstseinserweiterung… vielleicht wenn man in sie reinfällt?
    Liebe Grüsse von einer beharrlichen, aber meistens stillen Leserin!

  2. Liebe Stefanie, hab Dank für deinen wertschätzenden Kommentar – und dass du als „stille Leserin“ mal was schreibst! Freut mich sehr und motiviert auch weit mehr, als wenn nach so einem Artikel gar nichts passiert.

  3. hallo Claudia, sah mir die Sendung anfangs noch interessiert an. Doch dann mir gingen ihre euphorischen Kommentare auch ziemlich auf den keks. Vor allem hätte ich mir einen kritschere Betrachtung der Kräuter geünscht, denn die Menge machts und es kann auch sehr gefährlcih sie so wahlos zu sammeln und zu verwenden. Mit dem Kosmos, der sich darin sammelt habe ich es nicht so, deshalb schltete ich später ab und ersparte mir wohl so einges ….. dennoch liebe ich meine Kräuter aus dem Garten….und meiner eigenen Wildnis..
    Grüße von Frauke

  4. Ich mag diesen Hype ja gar nicht! Trotzdem finde ich Kräuter toll und unsere Vorfahren wussten noch viel mehr damit anzufangen. Es täte uns übrigens gut, uns wieder mehr auf das alte Wissen zu besinnen.
    Viele Grüße von
    Margit

  5. Auch ich mag Wildkräuter und peppe gerne den doch eher langweiligen Salat damit auf. Aber Elfen und dergl. habe ich dabei noch nie gesehen. Wahrscheinlich fehlt mir einfach dazu das richtige Bewußtsein.

    Und wenn ich es denn finde – ich habe in England ein richtig gutes Rezept für Brennesselsuppe gefunden und probiert, aber mit meinen Ahnen habe ich leider keinen Kontakt aufnehmen können. Ich hätte sie sonst sicher nach spannenden Rezepten gefragt.
    Danke für deinen witzigen Artikel.

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