Warum junge Menschen nicht gärtnern

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Ok, ein paar Gegenbeispiele mag es geben, doch im Großen und Ganzen ist die Freude am Gärtnern etwas für die Älteren. Das sieht man auch am hohen Altersdurchschnitt der Mitglieder von Kleingarten-Vereinen: sind Jüngere darunter, nutzen sie ihren Garten oft mehr als Freizeitgrundstück oder fallen durch sehr spezielle Garten-Ideologien auf, für die man noch ein wenig „kämpfen“ muss (wobei „jünger“ dann auch nicht unbedingt die Teeny- oder Twentysomething-Zeit meint).

Warum ist das so? Ein afrikanisches Sprichwort sagt:

„Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht“

– und damit können junge Menschen schlecht umgehen. Sie sind selber noch in jeder Hinsicht am „wachsen und werden“ und wollen mittels aktivem Handeln schnelle Erfolge sehen, sich einen Platz in der Gesellschaft erobern und JEMAND sein – kurzum: raus aus der kindlichen Machtlosigkeit ‚rein in Positionen mit eigener Macht und der Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

im Gegenlicht

Wie frustrierend ist es da doch, Petersiliensamen anzusähen und schier endlos darauf warten zu müssen, bis sich mal was tut! Oder gar Jahre ins Land gehen zu sehen, bis ein neu gepflanzter Baum eine ansprechende Gestalt gewinnt. Ich könnte viele Beispiele anführen, die einfach nicht Jugend-kompatibel sind, denn gärtnerisches Erleben konfrontiert mit der Zeit, mit der Ohnmacht, die Dinge zu beschleunigen und mit der Endlichkeit des eigenen Lebens: Wer will schon mehrere Jahre geduldig einer langsamen Entwicklung zusehen, die so ein Garten nun mal braucht, um ein wirklich schöner Garten zu werden? Jugend will ALLES und das möglichst SOFORT!

Brachiales Gärtnern

Weil unsere Gesellschaft nun aber lange schon insgesamt dem Jugendwahn verfallen ist, hat sich auch eine Form des Gärtnerns entwickelt, die den Bedürfnissen jüngerer Menschen entgegen kommt. Ich nenne es mal das konsumierende Hau-Ruck-Gärtnern entlang an jährlich wechselnden Moden: Saison-Pflanzen rein und später wieder raus, massiver Maschineneinsatz, brachiale Umbauten (öfter mal was Neues!), wechselnde Möbel, Gartenbeleuchtungen, Wasserspiele und Grill-Gerät. Man wartet nicht, bis sich irgend etwas entwickelt, sondern kauft es bereits fertig und bringt es ein (Rollrasen z.B.). Und ebenso schnell werden die Dinge auch wieder entsorgt, weil unmodern geworden. (Die „asiatische Ecke“ sei seit einiger Zeit der letzte Schrei, hörte ich kürzlich). Geht man durch manche Gartenkolonie, kann man recht gut sehen, welche Pflanzen und gestalterischen Element in den letzten Jahren in den Bau- und Gartenmärkten „dran“ waren. Wir haben auch solch modische Relikte übernommen, wie etwa die Regentonne im grauen Felsgestein-Design mit passender Gießkanne! :-)

Ich beschreibe das nicht, um mich groß drüber aufzuregen. Das Konsum-Gärtnern ist zwar kein „nachhaltiges“ Gärtnern, aber wer damit glücklich ist, soll es sein und muss es selbst verantworten. Eher bemerke ich selbst die Konfrontation mit Zeit und Vergänglichkeit, die so ein Garten bedeutet, wenn man es nicht so macht – und verstehe jetzt ganz gut, warum es eher die Älteren sind, die sich „gelassenes Gärtnern“ zumuten: es ist ein Einüben in die Grundtatsachen des Lebens, zu dem auch unser eigenes Verschwinden gehört.

Autor: ClaudiaBerlin

Claudia lebt und gärtnert in Berlin und bloggt seit 2005 rund ums naturnahe Gärtnern. Folge dem Blog auf Twitter.com/gartenzeilen - da gibts Lesetipps und allerlei Infos rund um unser tolles Hobby.

16 Kommentare

  1. Der Ausdruck „konsumierendes Hauruckgärtnern“ gefällt mir, halte aber diese Art des Gärtnerns nicht für eine jugendliche Schwäche, sondern für zeittypisch.Sie ist gepaart mit einem Deko- und Technikwahn, der um sich greift , unterstützt von einer Industrie, die das intensiv bewirbt.
    Dass Jugendliche nicht gerne gärtnern ist sicher richtig, ich habe dennoch dafür viel Verständnis, zumal es mir als Jugendliche ebenso ging. Alles zu seiner Zeit…soziale Kontakte ( auch über das Internet), Sport usw. ist halt für junge Menschen wichtiger.
    Interessanter finde ich viel mehr die Rolle, die wir bzw. die über Vierzigjährigen im Leben von Heranwachsenden spielen (wollen). Ich sehe häufig, dass viele Erwachsenen nicht als „alt“ gelten wollen und sich verhalten wie Berufsjugendliche, das finde ich wesentlich kritikwürdiger als die Ungeduld junger Menschen, das Sich-Ausprobieren ..meinetwegen auch in Gartenmoden…
    LG
    Sisah

  2. Sehr passend zu dem was Du schreibst finde ich die diversen Gartensendungen im Fernsehen, in denen mal eben schnell ein Garten komplett umgemodelt wird, inclusive Rollrasen, Bäumen und diverse Bauten. Alles in höchstens 5 Tagen, gern auch in noch kürzerer Zeit. Ich frage mich, ob das die Attraktivität des Gärtnerns für junge Menschen erhöht. ?

  3. Hallo Cludia, ich denke die jungen Menschen brauchen auch ihre Zeit sich auszuprobieren und sie haben oft sehr wenig Zeit durch ihre Arbeit, die gewachsenen Ansprüche an die Familie , Sport… und ihnen fehlen Vorbilder für die der Garten nicht Arbeit sondern Freude ist!!

    so ein Kleingarten mit genauen Vorschriften wieviel Gemüse, wie groß die Laube, wie hoch die Hecke… das lockt nicht, sondern verschreckt doch eher, ich hätte deshalb niemals dort einen Garten genommen-
    erstaunlich ist dennoch das gerde viel junge Familien in Norddeutschland wieder in die Kleingärten gehen um für ihre Familien Gärten zu haben mit allen Möglichkeiten.

    aber in all den Jahren, die ich an den verschiedensten Orten war, war ich auch gerne im Garten.
    Diese Freude und diese Erfüllung in dem naturnahen Garten dies haben meine Eltern vorgelebt und den Blick für die Zusammenhänge in der Natur haben zwei tolle Biolehrer geprägt

    in Notzeiten besinnen sich auch viele wieder auf alte Dinge…
    Frauke

  4. Danke für Eure Kommentare! Klar hab‘ ich VERSTÄNDNIS, dass Jugendliche lieber anderes tut – ich war ja auch mal jung und hatte damals nur Spott für das „spießige“ Kleingartenwesen! :-)

    Und ja, das Hauruck-Gärtnern ist Zeit-typisch – wobei ich diesen ZEITGEIST halt als eher „der Jugend nacheifernd“ empfinde als anderen Werten.

    Nicht zuletzt ist da auch die Gartenbedarfs-Industrie: nur die wechselnden Moden, der massive Geräte-Einsatz und diese „alles neu in 5 Tagen-Vorbilder“ ermöglichen wohl einen Umsatz, der sie so leben lässt, wie man sie heute kennt.

    Es liegt zum Glück an jedem Einzelnen, ob man das alles so mitmacht!

  5. hallo claudia, ich bin von fraukes blog zu euc gekommen und musste über diese reflexion schmunzeln. unser 16-jähriger chris hasst natürlich auch das mithelfen-müssen im riesen-garten, denn alles wächst ZU SCHNELL! immer wieder hecken-schneiden, kies-von-löwenzahn-befreien und andere unliebsame jobs sind zu tun. ich habe das jäten als kind auch gehasst und kann nun mit 50 voller glück auf unser wildes paradies am golfstrom blicken. und ungeduldig bin ich immer noch! aber die liebe zur pflanze und zum nachhaltig-sein ist mir zum glück nicht vergrault worden.

  6. Im großen und ganzen kann ich das Geschriebene bestätigen. Auch in unserem Kleingartengelände (wo ich neben dem Hausgarten noch ackere) sind die Mitglieder meist älter. Eine junge Familie nutzt den Garten als Freizeitanlage für die Kinder, einige jüngere Russlanddeutsche führen die gärtnerische Tradition ihrer Heimat fort.

    Trotzdem glaube ich, dass nach der jugendlichen Sturm-und Drang-Periode sich immer wieder Menschen für die Idee des gärtnerischen Tuns finden und begeistern lassen. Ich meine, nicht das Katalog-Gärtnern, wie ich es nenne, sondern das Aufspüren der natürlichen Zusammenhänge von Säen und Ernten und die Freude am Wachsen dazwischen.

    Schließlich haben viele von uns als Kinder mit Begeisterung ihr eigenes Gärtchen gehegt und gepflegt, ein Zeichen dafür, dass diese Tätigkeit in uns angelegt ist! ;-)
    Gartengrüße von
    Helmut

  7. Hallo,

    ich mus secht sagen, dass mir der Artikel richtig gut gefällt. Er ist locker leicht und mit einem kleinen Augenzwinkern. Also nicht bierernst und ich glaube kaum, dass Sie mit der Keule in der Hand den „Nichtgärtnern“ auflauern. ;-)

    Bei mir früher war es so, dass meine Eltern extra aufs Land gezogen sind, um in der Natur zu leben. Und der Garten wurde dann hübsch zubetoniert, damit eine Sitzgruppe ihren Platz findet. Die ältere Nachbarin wurde milde belächelt, wenn sie selbst angepflanztes Gemüse und Obst vorbeigebracht hat. Es wurde alles belächelt. Gärtnern ist ja Handarbeit und macht sich die Hände schmutzig!

    Heute bereue ich das. Denn wer mal in eine selbst angepflanzte Tomate beisst, weiß wie wunderbar das schmeckt. Ich kam durch meine Schwiegermutti in spe :-) zum gärtnern. Es ist mein zweites Gartenjahr und ich bin sooooo froh, dass man mir das Nahe gebracht hat. Und ich bin schon 25!

    Anfangs habe ich noch jede halbe Stunde nach den Pflänzchen geschaut, ob auch wirklich was wächst. *g* Aber nach der ersten Euphorie kommt die Geduld. Schließlich muss man den Pflanzen auch die Zeit geben, die sie brauchen.

    Ich finde den Artikel wie gesagt super und hoffe, dass viele Eltern ihren Kids das gärtnern ein bisschen beibringen. Man muss es ja nicht übertreiben und kleine Gartenzwerge heranziehen.

    Liebe Grüße!

  8. Pingback: Vom Zeitgeist im Garten…

  9. Liebe ältere Gartenfreunde

    hier nun mal der Kommentar eines Jungspuntes.
    Ich bin Mitte zwanzig und habe seit einem halben Jahr meinen eigenen Garten. Zuvor gehörte er Freunden von mir die allerdings eher nur einen Kinderspielplatz brauchten. Jetzt habe ich den Garten gemeinsam mit zwei Freunden und jeder tut was er kann. Vorerst durfte alles wachsen um zu sehen was überhaupt vorhanden ist. So langsam kommen wir dahinter, was wann zu tun ist. Ich erinnere mich da gern meiner Schulgarten Zeit und all der Dinge die meine Oma mir mitgegeben hat. Von außen betrachtet haben wir warscheinlich noch den total unkontrollierten Wildwuchs. Aber das wird.
    Im übrigen kenne ich eine Menge junger Menschen um mich herum die Interesse an Gärten und gärtnern haben. Allerdings schrecken viele vor den vielen Vorschriften der Kleingartenvereine zurück. Dafür nutzen die dann die Möglichkeiten von Nachbarschaftsgärten. Das sind auf Brachen angelegte Gärten, für die man sich bewerben kann und dann ein Jahr lang drauflos gärtnern kann. Es gibt nur eine Wasserpauschale, jeder hat seine Parzelle ohne Zaun und es gibt eine Sommerküche. Da fällt mir ein das ich auch Leute kenne die schon mit siebzehn einen Garten hatten und sogar ein Bienenvolk.
    Soviel von mir.
    Ich merk mir den blog

    Beste Grüße Franziska

  10. @Helmut: du erinnerst mich da an was. Ich bin ein 100%iges Stadtkind, wir hatten keinen Garten, doch einen Hinterhof mit Wiese im 50ger-Jahre-Wohnblock-Stil. Da hab ich mir als 7-Jährige „illegal“ an einer winzigen Ecke ein Minigärtchen angelegt: mit Gänseblümchen und ERBSEN, meine erste „Nutzpflanzung“. :-)

    @Ramona: köstlich, wie du das Widersprüchliche beschreibst! Einerseits „näher ran an die Natur“, aber bloß nicht zuviel davon! :-))) Freut mich, dass du trotzdem Spass am Gärtnern entwickelt hast! Und sei nicht frustriert, wenn man ’ne „eigene Tomate“ nicht schmeckt: das erleben wir gerade, denn wir haben 7 alte Sorten angepflanzt, es hat viel geregnet und so manche davon schmeckt nicht gerade berauschend! Was meine Freude an der Sache aber nicht mindert.

    @franzz: dein Herangehen finde ich voll in Ordnung – erstmal schauen, was wächst und später sehen, was man da dazutun, ändern oder einschränken möchte. Wir sind jetzt 1 Jahr im neuen Garten, der aus einer durchgängig „gejäteten“ Fläche mit spärlichen, frei stehenden Pflanzen bestand: es staubte wie in einer Sandwüste und die Vögel machten einen Bogen um den Garten, weil da nix zu holen war. Jetzt haben wir Bodenleben, Vögel, Schmetterlinge – und alles ist grün!
    Nachbarschaftsgärten gibts hier in der Gegend auch – find ich gut und wer da „angefixt“ wird, wird sich evtl, später dann nach etwas Dauerhafterem umsehen. :-) Wie man ein Bienenvolk hält, interessiert mich auch, da werde ich mal recherchieren!

  11. Ich wollte noch einen kleinen Lesetipp ins wilde Gartenblog schreiben, irgendwie passt er auch fast ein bisschen zu diesem Artikel, aber nicht ganz. In der Taz war am Dienstag oder Mittwoch ein Artikel über den Heilgarten des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin. Ein ganz schöner und auch interessanter Bericht, sehr bewegend, über die linde Wirkung des Gärtnerns auf traumatisierte Gemüter. Und über die verschiedene Art, mit einem Garten umzugehen.

  12. Danke Ruth, ich hab es mal rausgesucht:
    http://tinyurl.com/mzqv4g

  13. Schöne, flapsige Geschichte. Leider muss ich, wie auch einige meiner Vorredner, mit einem Zwinkern wiedersprechen. Seitdem ich im Berufsleben stehe, fahre ich zum Gärtnern zu meiner Mutter. Für sie ist meine Hilfe eine Erleichterung, für mich bedeutet inzwischen die Gärtnerei Abwechslung und Entspannung. Leider betrachten viele meiner Altersgenossen (bin knapp unter der 30) die Gärtnerei als spießig.

  14. Ich bin selber noch keine 30 und habe wirklich nicht die Geduld für einen Garten, er erfordert eben auch viel Zeit! In zehn, zwanzig Jahren kann ich mir den Rückzug in ein eigenes Fleckchen Grün, das ich nach meinen Wünschen gestaltet habe aber vorstellen:-) Bis dahin freue ich mich an den Gärten anderer.

  15. Ich „gärtnere“ sehr gerne :)
    Es gibt meines erachtens nicht entspannenderes und am Ende sieht man was man geleistet hat.

  16. Hallo! Ich habe früher auch immer gerne Gegärtnert, nur muss ich leider sagen habe ich mittlerweile nicht mehr die Möglichkeit dazu, platztechnisch, aber auch zeittechnisch etwas schwierig, aber ich habe diesen Beitrag trotzdem gerne gelesen und ich muss sagen, da ich einen Garten schon etwas vermisse, nutze ich immer die Möglichkeit der öffentlichen/ botanischen Gärten. Ein besonders schöner ist meiner Meinung nach in Meran ;)…LG, Nora

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